Seit Jahrzehnten hat sich China als zentraler Produktionsstandort für die globale Beschaffung etabliert. Sein industrielles Ökosystem, seine Infrastruktur, sein umfangreiches Lieferantennetzwerk und seine Produktionskapazitäten machen das Land weiterhin zu einem äußerst leistungsfähigen Markt für zahlreiche Produktkategorien.
In einem Umfeld, das von veränderten Zöllen, geopolitischen Spannungen und Störungen der Lieferketten geprägt ist, kann die Abhängigkeit von nur einer Region jedoch das Risiko erhöhen.
Hier kommen China+1- und Dual-Sourcing-Strategien ins Spiel.
Das Ziel besteht nicht darin, China zu ersetzen, sondern eine bestehende Beschaffungsbasis durch alternative Kapazitäten in Südostasien zu ergänzen und so das richtige Gleichgewicht zwischen Leistung, Kapazität und Resilienz zu schaffen.
Warum eine Dual-Sourcing-Strategie einführen?
China bleibt eine der am weitesten entwickelten Produktionsbasen der Welt und bietet erhebliche Vorteile bei Kapazität, Fachwissen, Infrastruktur und Lieferantenökosystemen.
Eine Diversifizierungsstrategie bedeutet daher nicht zwangsläufig, sich von China abzuwenden.
Beim China+1-Ansatz wird die Präsenz in China beibehalten, während gleichzeitig eine oder mehrere Alternativen in anderen asiatischen Märkten entwickelt werden. Diesen Trend verfolgen wir bei EASTWISE seit mehreren Jahren. Mehr dazu erfahren Sie in unserem Artikel über die China-Plus-One-Strategie und die Diversifizierung von Lieferanten in Asien
Südostasien kann für bestimmte Produktkategorien eine geeignete ergänzende Beschaffungsbasis darstellen – abhängig von den verfügbaren Fertigungskompetenzen, Kosten, Infrastrukturen, Qualitätsanforderungen und Zielmärkten.
Beim Dual Sourcing geht es nicht darum, zwischen Effizienz und Resilienz zu wählen, sondern das richtige Gleichgewicht zwischen beiden zu finden.
Wie sieht ein ausgewogenes Modell zwischen China und Südostasien aus?
In einem Dual-Sourcing-Modell übernehmen die beiden Bezugsquellen nicht zwangsläufig dieselbe Rolle.
China kann beispielsweise die primäre Bezugsquelle für strategische Produkte oder hohe Stückzahlen bleiben, während ein Lieferant in Südostasien als aktive sekundäre Bezugsquelle zusätzliche Kapazitäten bereitstellt und bei Bedarf schrittweise mehr Volumen übernimmt.
Verteilungen wie 80/20 oder 70/30 können als Orientierung dienen, doch es gibt kein universell gültiges Modell.
Das richtige Gleichgewicht hängt unter anderem von folgenden Faktoren ab:
- Produkt und Komplexität;
- betroffene Mengen;
- verfügbare Kapazität der einzelnen Lieferanten;
- Kosten und Vorlaufzeiten;
- logistische und regulatorische Einschränkungen;
- dem Risikoniveau, das das Unternehmen reduzieren möchte.
Ein Punkt ist jedoch entscheidend: Eine sekundäre Bezugsquelle ist nur dann wirklich nützlich, wenn sie aktiv bleibt. Das ihr zugewiesene Volumen sollte ausreichen, um Prozesse, Fachwissen und die Lieferantenbeziehung funktionsfähig zu halten und zugleich eine schnelle Skalierung bei Bedarf zu ermöglichen.
Wie lässt sich eine Dual-Sourcing-Strategie aufbauen?
Die Diversifizierung der Lieferkette bedeutet nicht einfach, einen neuen Lieferanten in einem anderen Land zu finden.
Der Übergang sollte schrittweise, strukturiert und in jeder Phase validiert werden.
1 — ASSESS | Bewerten
Der erste Schritt besteht darin, die aktuelle Situation zu erfassen.
Wie stark hängt Ihre Beschaffung derzeit von China ab? Welche Lieferanten, Komponenten oder Produktkategorien weisen die höchste Risikokonzentration auf?
Anschließend gilt es, die Produkte zu bestimmen, bei denen eine Diversifizierung sowohl sinnvoll als auch realistisch ist.
2 — SELECT | Auswählen
Nicht jedes Produkt eignet sich für eine teilweise Verlagerung nach Südostasien.
Märkte und Lieferanten sollten anhand mehrerer Kriterien bewertet werden: Fertigungskompetenz, Kosten, Qualität, verfügbare Kapazität, Infrastruktur, Vorlaufzeiten und logistisches Umfeld.
Ziel ist nicht, einfach das kostengünstigste Land zu finden, sondern die beste Gesamtkombination für das jeweilige Produkt und die Unternehmensziele.
3 — QUALIFY | Qualifizieren
Nach der Identifikation potenzieller Lieferanten müssen deren tatsächliche Fähigkeiten überprüft werden.
Dazu gehören Produktionskapazitäten, Qualitätssysteme, technische und regulatorische Anforderungen sowie die Verfügbarkeit von Rohstoffen und Komponenten.
Die Qualifizierung beginnt bereits bei den ersten Gesprächen: Produktionskapazität, Zertifizierungen, Unterauftragsvergabe und Qualitätskontrolle sollten vor dem nächsten Schritt geprüft werden. Zur Strukturierung der ersten Bewertung finden Sie hier unsere 10 Fragen an einen neuen Lieferanten in Asien.
Eine Verlagerung der Endmontage bedeutet nicht automatisch, dass die gesamte Lieferkette diversifiziert ist.
4 — PILOT | Testen
Bevor größere Mengen verlagert werden, empfiehlt sich ein Pilotproduktionslauf.
Dabei lassen sich Qualität • Kosten • Vorlaufzeiten • Kapazität • operative Leistung bewerten.
Die Ergebnisse sollten vor einer höheren Zuteilung mit den ursprünglich gesetzten Zielen verglichen werden.
Das Prinzip ist einfach: erst validieren, dann skalieren.
5 — SCALE | Skalieren
Sobald die neue Bezugsquelle ihre Leistungsfähigkeit bewiesen hat, können die Volumen schrittweise erhöht werden.
Die Zuteilung kann sich entsprechend der beobachteten Leistung, verfügbaren Kapazitäten und Diversifizierungsziele entwickeln.
Entscheidend ist, die sekundäre Bezugsquelle so aktiv zu halten, dass sie qualifiziert, operativ einsatzbereit und skalierbar bleibt.
Was kann die Strategie untergraben?
Eine China-Südostasien-Strategie kann auf dem Papier diversifiziert wirken, ohne es in der Praxis tatsächlich zu sein.
Mehrere Faktoren können das Modell schwächen.
Indirekte Abhängigkeit von China
Ein Lieferant in Südostasien kann selbst stark von chinesischen Rohstoffen oder Komponenten abhängig sein. Deshalb ist es wichtig, über den Tier-1-Lieferanten hinauszublicken und die Herkunft wichtiger Vorprodukte zu verstehen.
Ein attraktiver Fabrikpreis, aber höhere Gesamtkosten.
Der reine Vergleich von Stückpreisen kann irreführend sein. Fracht, Zölle, Werkzeuge, Lagerbestände, Vorlaufzeiten und qualitätsbezogene Kosten sollten in die Gesamteinstandskosten einbezogen werden.
Eine qualifizierte, aber inaktive sekundäre Bezugsquelle.
Ein Lieferant, der einmal getestet und danach lange Zeit nicht beauftragt wurde, bietet möglicherweise keine sofort verfügbare Ausweichkapazität.
Kapazitäten, die nicht schnell skaliert werden können.
Es muss geprüft werden, ob der sekundäre Lieferant über Anlagen, Ressourcen, Materialien und Organisation verfügt, um kurzfristig zusätzliche Mengen aufzunehmen.
Nicht ausreichend geprüfte Ursprungs- oder Zollvorschriften.
Die Verlagerung der Endmontage verändert nicht immer den zollrechtlichen Ursprung eines Produkts. Die geltenden Regeln müssen produkt- und zielmarktspezifisch geprüft werden.
Der Keramiksektor zeigt anschaulich den Wert einer China+1-Strategie. Wenn sich Zölle und Importbedingungen verändern, kann es für Unternehmen sinnvoll sein, ihre Abhängigkeit von nur einer Produktionsregion neu zu bewerten und Alternativen in Südostasien zu prüfen.
Diversifizierung bedeutet jedoch nicht einfach, die Produktion zu verlagern: Fertigungskompetenzen, Rohstoffe, Qualität, Kosten, Ursprungsregeln und Logistik müssen gemeinsam betrachtet werden.
Mehr dazu in unserer Analyse: „Keramikbeschaffung nach April 2026: Ist es Zeit, Ihre China+1-Strategie zu stärken?“
Das richtige Gleichgewicht finden, statt sich für ein Land zu entscheiden
Eine erfolgreiche Dual-Sourcing-Strategie bedeutet nicht, zwischen China und Südostasien zu wählen, sondern die Stärken beider Märkte zu nutzen, um eine ausgewogenere Lieferkette aufzubauen.
Das passende Modell hängt von den Produkten, dem Lieferantennetzwerk, den Mengen, den Zielmärkten und der Risikoexposition des Unternehmens ab.
EASTWISE begleitet Unternehmen während des gesamten Prozesses – von der Analyse der bestehenden Beschaffungsbasis über die Identifikation und Qualifizierung neuer Bezugsquellen bis zur Steuerung erster Produktionsläufe und der Unterstützung bei der Skalierung.
Bereit für den nächsten Schritt?
Um Sie beim Übergang von der Strategie zur Umsetzung zu unterstützen, haben wir zwei praktische Ressourcen zum Herunterladen vorbereitet:
Eine Auswahl wichtiger Fachmessen in China und Südostasien mit Terminen für Ihren Kalender, um neue Chancen zu identifizieren, Lieferanten zu treffen und neue Märkte zu erkunden.
Ein praktischer Rahmen in fünf Schritten zur Strukturierung Ihres Vorgehens: Bewerten • Auswählen • Qualifizieren • Testen • Skalieren.
Bauen Sie eine Lieferkette auf, die nicht von einer einzigen Option abhängt, sondern auf einem sorgfältig gesteuerten Gleichgewicht zwischen Kapazität, Kosten und Risiko beruht.


